k r i t i k e n   . .   k o n z e r t

 

 

Johannes Martin Kränzle
Das Ewige Rätsel / L'Enigme Eternelle
Lieder von Klein, Mahler, Martin und Ravel
Pianist : Hilko Dumno

Münchner Merkur:
Bitterstoffe und Fahlfarben
Klagen wäre eine Reaktion, alles verdüsternde Trauer als Reaktion aufs tägliche Leid. Als ob sich, die „Lieder aus dem Ghetto“ führen es vor, nicht auch andere Möglichkeiten ergäben: Witz, Zynismus, Ironie, eine eigentümliche Melancholie, die weniger Verdrängung ist, sondern Selbstbewusstwerdung. Der Komponist Richard Rudolf Klein (1921-2011) hat sich dieser jiddischen Weisen angenommen, sie weniger neu vertont, als kommentierend und behutsam neu in Szene gesetzt. Bariton Johannes Martin Kränzle, der auf der Konzert- und Opernbühne ja nie den direkten, einfachen Weg von A nach B sucht, interessierte sich schon früh für diese Lieder. Im Studium gab es den Erstkontakt, die CD „Das ewige Rätsel“ ist Summe und Vertiefung einer langen Beschäftigung. Vieles macht dieses Album so herausragend. Wie sich Kränzle, Bayreuths aktueller Beckmesser, virtuos jiddischem Idiom bewegt. Wie er die spezielle Sprachfärbung und –rhythmik erfühlt. Wie er die Balance hält zwischen Identifikation und Darstellung. Und wie Pianist Hilko Dumno das alles als symbiotischer, sehr stilsicherer Partner begleitet. Wer Kränzle auf der Bühne erlebt, der erfährt, wie genau er Wirkung dosieren kann, wie reflektiert er agiert, wie perfekt sein Timing ist. Eine Art singender Burgschauspieler, der einem sogar beim Anhören dieser CD vor Augen tritt. Zugute kommt das auch Gustav Mahlers Liedern aus „Des Knaben Wunderhorn“. Johannes Martin Kränzle kann sein „Was-kostet-die-Welt-Ton“ umschlagen lassen in eine ätzende Melange aus Deklamation und Gesang – die aber dankbare Nummern wie den „Tambourg´sell“ nie an den Operneffekt verrät. Insofern ist diese CD als Steigerung der besonderen Art angelegt, als ein Crescendo der Bitterstoffe, das den Hörern schließlich in die Welt der „Jedermann-Monologe“ von Frank Martin führt. Doch auch hier: Kränzle beherrscht das Spiel mit der Uneindeutigkeit und den zweiten dritten Bedeutungseben. Was in Hugo von Hofmannsthals Schauspiel manchmal so schlicht daherkommt, wird durch Frank Martins Klangsprache – und in der Interpretation dieses Sängers – geweitet, gebrochen, intensiviert und neu befragt. Die letzten beiden Lieder des Albums schließen den Kreis und dürften wie Richard Rudolf Kleins Lieder kaum bekannt sein. In deinen „Deux Mélodies hèbraïques“ setzte sich Maurice Ravel mit der jüdischen Kultur auseinander. In einer rezitativischen, von Kränzle emphatisch gedeuteten Fassung des Kaddish und einer dunklen kreisenden Version des schon von Klein vertonten, titelgebenden „ewigen Rätsels“ – das Kränzle schmucklos und Fahlfarben verebben lässt.

Pizzicato (Luxembourg):
Intensität des Ausdrucks
Das Programm, das Johannes Martin Kränzle und Hilko Dumno auf dieser CD aufführen, begreift Liederzyklen, die, wie es heißt, «einerseits den christlich-mitteleuropäischen, andererseits den osteuropäisch-jüdischen Kulturkreis in Glauben und Lebensart beschreiben». Richard Rudolf Kleins jiddische Lieder illustrieren sehr facettenreich Szenen aus dem Alltag. Kränzle gibt das in absolut köstlichen Interpretationen wieder, mit genuinem Tonfall und fantasievoller Darstellung. Genau diese Fantasie, diese für Mahler ungewohnte, unmittelbare Ausdrucksdramatik werden ihm Puristen in den ‘Wunderhorn’-Liedern vorwerfen. Das Opernhafte werden sie ankreiden. Aber ich teile so eine Kritik nicht. Das Opernhafte und Theatralische passt auch zu Mahler, und die Intensität des Ausdrucks ist zweifellos eindrucksvoll. Nicht weniger stark lotet Kränzle Frank Martins ‘Jedermann-Dialoge’ aus: er ist in jedem Moment ein Jedermann! Maurice Ravels ‘Deux mélodies hébraïques’ beschließen das Programm, und auch in diesen Melodien gelingt Kränzle eine genuine Interpretation, die die Bilder einfängt und vermittelt. Hoch interessant ist, wie er das titelgebende ‘L’énigme éternelle’ an das erste der Klein-Lieder angleicht, weil beide Komponisten ja hier denselben Text benutzen. Kränzle gibt dem Lied einen ganz anderen Charakter als van Dam, Souzay, Finley oder, a fortiori, Sängerinnen wie Ludwig oder Norman. Nicht weniger Feinheit und nicht weniger Allüre hat das exquisite Klavierspiel von Hilko Dumno, dem es immer gelingt, jedes Bild auch wirklich vollständig zu machen. When Johannes Martin Kränzle is singing Lieder, he does it as an opera singer, with a fine sense for dramatic expression and plenty of temperament. One has to like such an approach, and if so, the recording is highly enjoyable. Hilko Dumno is equally dramatic, and his piano playing adds the final touch to this album.

MDR Kultur:
2011 verstarb der Komponist Richar Rudolf Klein, dem der Bariton Johannes Martin Kränzle auf seiner neuesten CD mit der Weltersteinspielung der „ Zwölf Lieder nach alten jiddischen Weisen“ die Ehre erweist. Und wie man das von diesem Sänger gewohnt ist, geht er die Dinge reflektiert an. Kränzle folgt einem Konzept mit dem Titel „Das ewige Rätsel“ und er stellt dabei Fragen nach der Endlichkeit des menschlichen Seins. Hier sind Werke christlich- jüdischer Herkunft vereint von Richard Rudolf Klein, Gustav Mahler, Frank Martin und Maurice Ravel. Kränzle gestaltet die 26 Lieder gemeinsam mit Hilko Dumno aus der dramatischen Situation heraus, so nuancenreich, zugleich tief menschlich, humorvoll und als Duo exzellent.

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