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Blaubart with Vesselina Kasarova as Judith
Bartok: Herzog Blaubarts Burg
Hessisches Staatstheater Wiesbaden 2019

© Opernfotografie Detlef Kurth


Bartok: Herzog Blaubarts Burg, Staatstheater Wiesbaden 2019
(I: Laufenberg, D: Pointner)

Frankfurter Rundschau:
Wenngleich es berühmter ist, nicht zweimal in denselben Fluss zu steigen, so sieht man auch nicht zweimal denselben Theaterabend. Die Wiesbadener Inszenierung von Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ hatte 2015 Premiere. Damals war der vorgesehene Bariton Johannes Martin Kränzle gerade erst sehr schwer erkrankt, und Uwe Eric Laufenberg, der Intendant und Regisseur, ersetzte ihn durch Gerd Grochowski (der dann im Alter von nur 60 Jahren starb, 2017). Stimmlich war das überzeugend. Szenisch zeigte sich jetzt bei der quasi zweiten Premiere, was der fulminanteSängerdarsteller Kränzle aus der spröde gestalteten Situation machen konnte. Einer wie für ihn geschaffenen und ja auch tatsächlich für ihn geschaffenen. Auf einer Hoteletage (Bühne: Matthias Schaller / Susanne Füller) mit mysteriös beweglichen Wänden, die der Herzog und seine neue Frau Judit per Aufzug erreichen, zeigt Laufenberg Blaubart wie 2015 unverblümt als Frauenmörder. Kränzle, der am Ende zögernd, mit sich ringend, unlustig zustechen wird, zeigt aber vorher überraschenderweise den glücklichsten aller möglichen Blaubarts. Das liegt an seiner Beweglichkeit, die er hier in die Energie eines seine Verlegenheit überspielenden, erwartungsfrohen Mannes umsetzt, vor allem jedoch liegt es an seinem Lachen. Kränzles Blaubart lacht das arglose, lupenreine Lachen des Augenblicks, in dem alles schön und gut ist, ein Augenblick nur, aber nichts anderes zählt. Kränzles Blaubart singt groß und schön, keine Gewalt, keine Rauheit ist in seiner Stimme. Erstens begreift man zum ersten Mal, was Judit an ihm findet – denn seine unerquickliche Burg ist gewiss nicht der Grund dafür, dass sie alles und alle für ihn verlassen hat. Zweitens wird einem klar, dass die zarte Möglichkeit eines guten Ausgangs nicht so abwegig ist. „Herzog Blaubarts Burg“ erzählt in Wiesbaden wirklich von Liebe und einer Sexualität, die beide wünschenswert finden, und erzählt davon, wie ein Mann sich nicht öffnen will, aber eigentlich will er es doch. Kränzle lässt uns dabei zuschauen. Faszinierend: Aus dem Dramaeiner heillos liebenden Frau, wie es 2015 zu sehen war, wird das Drama einer geschlossenen Zweierbeziehung. Kränzle spielt so markerschütternd, dass im Grunde genommen sogar das Drama eines Mannes aufgeführt wird. Aber auch Vesselina Kasarova, die Judit von 2015, ist eine lebhafte, ihrem Gegenüber zugewandte Darstellerin, und sie verfügt über eine nicht minder füllige, dunkel lodernde, expressive Stimme. Das übliche Gefälle ist nicht mehr da, beide hoffen, beiden ist Angst nicht fremd, aber er hat das Messer. Die Ausgestaltung der zu öffnenden Türen (des bloßzulegenden Blaubartschen Innenlebens) – ein Laptop, ein Schmuckkasten, Plastikblumen aus dem Badezimmer nebenan – wirkt nicht mehr pragmatisch und arg bescheiden, sondern dient sinnig dazu, nicht von den Menschen abzulenken. Bemerkenswert, wie diszipliniert Philipp Pointner das Orchester führt, blühend, aber immer wieder auch geschmackvoll abgedämpft. Zwischen dem offenbar verabredeten, Kränzle und Kasarova jedenfalls perfekt unterstützenden Wohlklang öffnen sich Abgründe von Traurigkeit.

Kulturfreak:
Zusammen mit dem BaritonJohannes Martin Kränzle wird die Aufführung zu einem Pflichtbesuch. Sein Herzog Blaubart ist absolut hörens- und sehenswert. Kränzlegibt ihn mit stimmlicher Autorität, dies nicht starr, sondern sehr flexibel, als nonchalanten Womanizer, der voller Widersprüche ist, der selber begehrt, sein Glück teilen will und doch voller Abgründe ist. Besonders intensiv stellt KränzleBlaubarts Verzweiflung dar, wenn Judith den letzten Schlüssel fordert.

Wiesbadener Kurier:
Das Privileg, den renommierten Sänger nun in Wiesbaden erleben zu dürfen, bringt dem Publikum einerseits den Verlust des plötzlich verstorbenen Gerd Grochowskis in Erinnerung. Andererseits wertet Kränzles Engagement die Wiederaufnahme der Bartók-Inszenierung Uwe Eric Laufenbergs unter der Stabführung von Philipp Pointner zu einem sehr besonderen Abend auf. Es sind nicht nur die baritonalen Qualitäten, die begeistern, wenn profunder Wohllaut Bartóks vokale Linien geschmeidig nachzeichnet. In den eindringlich gespielten Szenen einer Nähe, gibt der Sängerdarsteller den Täter Blaubart auch als Opfer seiner mit Notebook und Businessanzug gut organisierten Männlichkeit. Zwanghaft zitternd hebt er, wie ferngesteuert, das Messer gegen Vesselina Kasarovas Judit, die ihn mit dunkel glühender Mezzo-Zuwendung erwärmen, erlösen möchte

Klassik.com:
Kränzle verleiht dem Blaubart beklemmend realistische Charakterzüge und intoniert den Gesangspart eindringlich wie souverän.

Deutschlandfunk, Kultur heute:
Für Johannes Martin Kränzle war dies die Premiere, da er 2015 krankheitsbedingt absagen musste, und er hat den Blaubart so hervorragend interpretiert, dass wir daraus einen kurzen Ausschnitt hören sollten.

HR 2 Kultur:
Eine geniale Besetzung für Blaubart : Vesselina Kasarova als Judith und Johannes Martin Kränzle als Blaubart singen und spielen das Paar feinfühlig und sensibel, mit tollen, ausdrucksstarken Stimmen. Zwei Weltstars, die vom Publikum mit Bravorufen belohnt wurden.

Frankfurter Allgemeine Zeitung:
Johannes Martin Kränzle stellt sich stimmlich geschickt darauf ein und zeigt einen sehr menschlichen, sympathischen Blaubart, der auch mal lächelt und geradezu komisch wirkt, wenn er seine Geliebte mit Schmuck und Blumen überhäuft. Die Wendung ins Finstere kommt am Ende umso unerwarteter.Der Gastdirigent Philipp Pointner nutzt die Gelegenheit der stimmstarken Starbesetzung, um die Farben mit dem Hessischen Staatsorchester sehr kräftig anzurühren.

Frankfurter Neue Presse:
Zwei überwältigende Sängerdarsteller machen “Herzog Blaubarts Burg zu einem Fest der Stimmen: Vesselina Kasarova und Johannes Martin Kränzle. Der Spielwillen, mit denen die beiden Sänger den nervenzerfetzenden Geschlechterkampf interpretieren, überzeugt in jeder auf Ungarisch gesungenen Minute des Eiinakters, so dass allein das symbolisch aufgeladene Psychodrama Bartoks den Besuch des Abends wert ist. Nicht nur Kränzles edler baritonaler Schmelz, der die fiebrigen Gesangslinien mit Herzblut ausmalt, auch sein gestisches und mimisches Spiel bestürzen in seiner Eindringlichkeit. Etwa, wenn er sich, ganz Gefangener seiner materiellen, potenten Männlichkeitund ausgestattet mit allen Insignien des erfolgreichen Buisnesstyps, mit Macht gegen die Offenlegung seines banalen Geheimnisses wehrt: der schrecklichen Entdeckung, dass er einer Frau emotional nichts bieten kann, weil er ausgebrannt ist. Und dass er für den materiellen Erfolg einen furchtbaren Preis gezahlt hat: die emotionale Lebendigkeit. Als Kasarovas warm und vital gestaltete Judith seinem Geheimnis der psychischen Impotenz gefährlich nahe kommt, als sie die siebte, verschlossene Tür seiner Burg – ein unpersönliches Hotelzimmer- öffnen will, zeichnet Kränzle seinen Herzog als zwanghaften Angstneurotiker: Entzetzlich zitternd, ersticht er in tiefster Verzweiflung mit dem siebten Schlüssel die geliebte Frau.

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